Perspektiven der Schweizer Verlags- und Literaturförderung
Der Ammann Verlag hat in diesem Frühling nach fast dreissig Jahren sein letztes Verlagsprogramm präsentiert. Es waren nicht nur persönliche Gründe, die zur Schliessung dieses wohl wichtigsten Verlags der Schweizer Literatur führten, auch strukturelle Bedingungen im heutigen Literaturbetrieb trugen dazu bei.
Im letzten Jahr musste auch der renommierte Verlag von Urs Engeler aus finanziellen Gründen seine bisherige Form aufgeben. Obschon die beiden Verlage sich im gesamten deutschen Sprachraum hohes Ansehen erarbeitet haben, konnten sie sich als eigenständige Verlage mit Standort in der Schweiz nicht halten. Somit verschwinden zwei weitere wichtige Förderer und Vermittler der Schweizer Literatur. Andere Schweizer Verlage können nur eingebunden in grosse Verlage existieren.
Dass die Literatur einen wichtigen Spiegel einer Nation darstellt, stellt kaum jemand infrage. Trotzdem gibt es bis heute keine nachhaltige Buchpolitik in der Schweiz, obwohl die finanziellen Ansprüche der Literaturszene im Gegensatz zu anderen Kultursparten bescheiden sind.
Die Buchbranche durchlebt seit einiger Zeit einen Strukturwandel. Die Politik hat zwar erkannt, dass Handlungsbedarf besteht und die Literatur als am wenigsten geförderte Kultursparte unterstützt werden muss, aber bisher konnte keine wirksame und effiziente Förderpolitik etabliert werden.
Der Fall der Buchpreisbindung, ein in sämtlichen Nachbarländern unbestrittenes Mittel zur indirekten Buchförderung, hat die Buch- und Literaturbranche noch zusätzlich unter Druck gesetzt.
Seit Oktober 2007 versucht das zuständige Bundesamt für Kultur BAK zusammen mit Vertretern der Verbände der Buchbranche, der Pro Helvetia und den Kulturbeauftragten von Kantonen und Städten zu erarbeiten, wie eine Buchpolitik in der Schweiz ausgestaltet werden müsste. Zur Diskussion stehen einerseits die Koordination der Buchförderpolitik der öffentlichen Hand und andererseits Massnahmen zum Erhalt der Produktionsvielfalt von Buch und Literatur sowie die Verbesserung des Vertriebs. Vorgeschlagene Änderungen wurden jedoch bis zum heutigen Zeitpunkt nicht umgesetzt.
Die Präsenz der neuen Schweizer Literatur im europäischen Raum hat in den letzten Jahren abgenommen. Und das liegt nicht an der literarischen Qualität der Texte, sondern daran, dass Menschen und Mittel fehlen, die sich in den benachbarten Ländern für die Schweizer Literatur engagieren. Die Förderung von Auslandaufenthalten, Übersetzungen und Werkjahren ist nur die eine Hälfte; denn was nützen sie, wenn Schweizer Literatur nicht verlegt und präsentiert wird und wenn die Bücher nicht zur Leserin und zum Leser kommen?
Im August 2009 wurde der Verlag Chasa Editura Rumantscha GmbH ins Leben gerufen. Die Lia Rumantscha, die Pro Helvetia und der Kanton Graubünden beteiligen sich am Aufbau dieses rätoromanischen Literaturverlags. Warum wird ein rätoromanischer Verlag neu aufgebaut, wenn daneben bestehende und wichtige Verlage schliessen müssen und andere Verlage mit dem Schwerpunkt Schweizer Literatur nur mit grosser Mühe überleben?
Von diesen Feststellungen ausgehend werden im Rahmen einer Podiumsdiskussion folgende Fragen erörtert:
Wie können Verlage den Spagat zwischen wirtschaftlichen Unternehmen und kulturellen Förderinstitutionen schaffen?
Was sind die realen Gegebenheiten und was Wunschvorstellungen innerhalb des Literaturbetriebs?
Welche Wichtigkeit wird der Präsenz der Schweizer Literatur im europäischen Raum beigemessen?
Welche Praxis verfolgt die Pro Helvetia in der Verlagsförderung?
Wo sind die Grenzen der öffentlichen Förderungen?
An der Diskussion werden folgende Persönlichkeiten teilnehmen:
Pius Knüsel, Direktor der Pro Helvetia
Egon Ammann, Ammann Verlag
Liliane Studer, Limmat Verlag, SWIPS-Präsidentin
Nicole Pfister Fetz, Geschäftsführerin AdS (Autorinnen und Autoren der Schweiz)
Moderation: Stefan Zweifel